Hase und Igel oder warum wir Geschichten brauchen
Angelica Ladurner · Prinzipalin Theaterwagen Porcia2>
Es war einmal ein Hase. Es war einmal ein Igel. Die beiden lebten ihr Leben auf so verschiedene Weisen, dass es nicht einmal für ein gemeinsames „Es war einmal“ reichte.
Der Hase raste durch den Tag, so schnell, dass seine Hinterbeine richtig durchtrainiert waren vom Laufen. Die Vorderbeine waren etwas kümmerlich, denn zum Umarmen oder Pfotenfalten hatte er eh keine Zeit. Er fraß seinen Kohl so hastig und ohne Genuss, dass er öfters versehentlich eine Raupe mitvertilgte, wiewohl er doch eigentlich Vegetarier war. Er hatte sowieso keine Zeit zu warten, bis aus den Raupen wunderschöne, schwebende Schmetterlinge werden konnten. Und wozu auch? Er war vollauf beschäftigt mit hastiger Nahrungsaufnahme, Tunnelbau für den Notfall, Hakenschlagen, um etwaigen Feinden zu entgehen.
Der Igel ging seine Tage gemächlich an, er hatte ja sowieso nur vier kurze Beinchen. Er liebte die Musik des Waldes spartenübergreifend: So ein lautes Froschkonzert am Rande des Teiches war ebenso beglückend wie das feine Gezirpe der Grillen. Vogelgesang a cappella oder rhythmisch unterlegt durch die Drums des Buntspechtes war ihm genauso lieb, wie so manche szenische Aufführung eines komödiantischen Streites bis hin zu Szenen einer Ehe bei den Spinnen oder Krach im Ameisenstaat. Er war ein großer Fan einer fahrenden Grashüpfer-Truppe, die gerade mit einem lustig-tiefgründigen Stück über den Tod, den sie als Haxelkramer bezeichneten, herumtourten, was der Igel sehr philosophisch fand. Seine innerlichste Leidenschaft galt der farbigen Stille im Wandel der Sonnenaufgänge, die wie eine Hockney-Welt in ihm leuchtete, auch so manchen Turner’schen Lichteinfall bewunderte er, und selbst die durchaus konkreteren Szenen eines Picasso-Stieres auf der Weide faszinierte ihn. All die Künste dieser Welt hatten ihm seinen Stachelmantel gestärkt, sodass er widerständig durchs Leben ging, sein sensibles, verletzliches, weiches Bäuchlein wohl geschützt mit sich tragend.
Eines Tages raste der Hase wieder durch den Wald, und in seiner Hetzerei übersah er den Igel, der sich gerade einem entspannenden Hummel-Ostinato hingab. Bummms, und schon stolperte der Hase über den Igel und zog sich auch noch einen seiner Stacheln in den Fuß ein.
Durch diese schmerzende Verletzung verlangsamt, ließ der Hase sich vom Igel verarzten. Während der Igel den Hasen mit Wurzelerde-Seelensalbe versorgte, schwärmte er ihm von den schönen Künsten vor. „Für all das habe ich keine Zeit“, sagte der Hase, „ich bin ein Fluchttier.“ – „Wirklich?“, nuschelte der Igel erstaunt, „Wovor bist du denn auf der Flucht?“ – „Vor … vor … naja, also …“ Der Hase hatte wohl in der umsorgenden Aura des Igels kurz vergessen, wovor er auf der Flucht war. Das war ihm peinlich. „Aber was bringt das alles?“, fragte er umso trotziger. „Warum und wozu brauchen wir Geschichten? Musik und all das unnütze Zeug?“ Diese Frage hatte sich der Igel noch nie gestellt. Der Igel guckte mit seinen schwarzen Knopfaugen längere Zeit vor sich hin, dann sagte er leise und seltsam berührt: „Ich weiß es nicht, oder zumindest kann ich es nicht sagen, warum wir Geschichten brauchen. Wir sind die Geschichten. Ich finde sie überall, die Musik, die Bilder, die Geschichten und Szenen. Überall.“ – „Was muss ich tun, damit ich all das auch finde?“, fragte der Hase. „Freu dich!“, nuschelte der Igel mit ernster Miene. „Wie geht das: Freu dich?“, fragte der Hase. „Auch das weiß ich nicht“, sagte der Igel erstaunt. Es war kurz still zwischen den beiden und nur das leise Klopfen eines Holzwurmes im Stamm war zu hören, begleitet vom Wispeln des Käferquintetts in der Wiese. Da sagte der Igel: „Weißt du was, Hase? Ich erzähle dir eine Geschichte.“ „O ja, bitte gerne“, sagte der Hase und ließ sich seit Wochen das erste Mal ganz entspannt ins Gras gleiten. Der Igel begann: „Es waren einmal ein Hase und ein Igel …“
FREU DICH! Auf den Kultursommer 2027 im schönen Kärnten.
Angelica Ladurner
Prinzipalin Theaterwagen Porcia